Das neue Vasten.

Bild: Diet Scale © Ji Lee
Bild: Diet Scale © Ji Lee

Nein, ich habe mich nicht vertan. Fasten schreibt man jetzt mit V. Mit V wie „vegan“. Passt, wie ich finde, auch gleich viel besser zu „Verzicht“ – in diesem Fall auf alles Tierische zugunsten des Pflanzlichen. Die vegane Ernährungsweise ist allgegenwärtig, wird vermarktet wie noch nie und unter Allesfressern geradezu als Inbegriff des Verzichts gehandelt. Kein Fleisch? stöhnen diese. Keine Eier? Nicht einmal Butter? schütteln selbst Vegetarier die Köpfe. Und dann auch noch Kuhmilch – den Kalziumlieferanten, dem wir seit der ersten Schulmilch die Bewahrung unserer Knochendichte anvertrauen – komplett weglassen? Dass ohne Butter auch das Honigbrot nicht mehr richtig schmeckt, ist nebensächlich, denn auch beim süßen Bienengold, bei dem es sich im Grunde um das Produkt von Blüten handelt, ist Abstinenz gefordert. Bienenarbeit! zetern strenge Veganer.
Vor Ostern 40 Tage lang Gründonnerstag spielen war gestern. Heute wird das Verzichten experimenteller aufgezogen. Glauben ist gut, ein individueller Selbstversuch ist besser. Thomas Weber von Biorama hat ihn gemacht, Katharina Seiser hat ihren so gut wie überstanden und darüber auf Esskultur berichtet und Melanie Kemper hat sogar einen eigenen Blog ins Leben gerufen, auf dem sie ihre Annäherung an den Vegan Way of Life dokumentiert.
Die erste natürliche Reaktion auf Verzicht ist immer die Suche nach einem Ersatz. Wenn beim Fasten kein Fleisch erlaubt ist, wird dieses eben in Fisch aufgewogen – bis ins 18. Jahrhundert war auch Biber genehm. Für Fleisch und Fisch springen meistens Sojaprodukte ein und die lassen sich wiederum von Hülsenfrüchten und Wurzelgemüse vertreten. Dieses Ersatzdenken ist zum einen ein gefundenes Fressen für die Gegner des Veganismus und lenkt zum anderen vom Potenzial der veganen Küche hinsichtlich Qualität und Genuss ab. Die Veganmania ist auch so ein Ablenkungsmanöver. Das Sommerfest möchte, der Name lässt es vermuten, Veganes zelebrieren und der breiten omnivoren Bevölkerung näherbringen. Meine Erwartung an das Speisenangebot der Veranstaltung: Eine vielfältige Gemüseküche, raffiniert gewürzt, mit Kräutern verfeinert und mit Nüssen und Samen texturmäßig aufgewertet. Stattdessen trieften die Stände vor frittiertem Fastfood, das auf vegan getrimmt worden war. Kebap, Burger, Hot Dogs Fleischbällchen, überwürzt – wohl um dem Tofu Aroma zu verleihen – und mit reichlich Zucker, als ob pflanzliche Speisen von Natur aus fad und grauslich wären. Obwohl ich zuhause hauptsächlich vegetarisch und häufig (unbeabsichtigt) vegan koche, ist mir bei den Gerichten dort wirklich etwas abgegangen. Nicht etwa Fleisch, auch keine Milchprodukte oder Eier, sondern guter Geschmack, natürliches Aroma und ganz klar der Genuss.
Ob sich wohl irgendjemand rein aus Genussgründen dazu entscheidet, vegan zu leben? kam die Frage beim gemeinsamen veganen Abendessen im Gourmet Gasthaus Freyenstein auf, zu dem Katharina Seiser im Zuge ihres Selbstversuchs geladen hatte. Angesichts des rein pflanzlichen Menüs, das Meinrad Neunkirchner, der Meister der Aromen, uns aufgetragen hatte, ein legitimer Gedanke. Bei dem Risotto vom Carnarolireis mit Schwammerln und Pimpernelle, das ganz ohne Butter und Parmigiano dank untergeschlagenem gefrostetem Olivenöl wunderbar cremig war, dem Ragout von Berglinsen mit (intensiv) geräuchertem und an Selchfleisch erinnerndem Chicorée und Taubnessel und der gefüllten Zwiebel mit Navetten, Löwenzahnsirup und Jus von Röstzwiebeln konnte von Verzicht keine Rede sein. Und auch wenn am Tisch schmunzelnd von den Augsburgern und dem Perlhuhn am regulären Menü phantasiert wurde, wie beim Fasten gefühlt hat sich bei den fünf Gängen aus einem Dutzend duftender Tellerchen und Schälchen keiner. Wer seinen eigenen veganen Selbstversuch starten will, der muss nur eines opfern und zwar seinen inneren Schweinehund.

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    • Tu ich das? Ich seh das so: Jede Art sich zu ernähren kann, vorausgesetzt man widmet sich ihr bewusst, Genuss wie auch Ernüchterung bringen – bei vegan ist das nicht anders. Für mich persönlich bedeutet Genuss Vielfalt – quasi das Gegenteil von Verzicht. Solange ich keine Intoleranz gegenüber Eiern, Milch und Co entwickle, wird es bei mir keinen veganen Selbstversuch geben, mich in der veganen Küche versuchen werde ich aber weiterhin.

  • Find deinen Artikel sehr schlau und hab ihn deshalb bei mir verlinkt. Hoffentlich lesen ihn noch ganz viele andere! Vegan essen bedeutet keinesfalls Verzicht, wenn man es richtig anstellt, finde ich. Merkt man immer ganz deutlich beim Kuchenessen: “Was, das ist vegan?!”

    Liebe Grüße
    Nadja

    • Danke, Nadja! Solange man neugierig bleibt und so viel wie möglich – ob rein pflanzlich oder nicht – ausprobiert, wird man nie das Gefühl haben, groß auf etwas verzichten zu müssen. Ich werd mal nach veganen Kuchenrezepten Ausschau halten. Hast du gute auf deinem Blog? Lieber Gruß, Sarah

      • Ja, die hab ich – alle aus Büchern abgeschrieben, natürlich 😉 Die nichtveganschmeckenden Schokmuffins find ich super – die lassen sich gut mit allerhand tollen Sachen füllen (Erdnussbutter, mmmmh!), und die Sachertorte (nicht sehr sacherig, aber gut) hat es auch in sich. Viel Spaß beim Stöbern!

        Liebe Grüße
        Nadja

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